Selbst VErantwortung übernehmen

Menschen werden oft nicht gefragt. Es wird für sie gesorgt. Vom Staat. Von der Politik. Von Behörden. Vom Amt. Von der Polizei. Von Sozialeinrichtungen.

 

Veränderung braucht Menschen, die sie tun. Am besten wissen die Betroffenen selbst, was sie brauchen und was zu tun wäre. Engagierte BürgerInnen übernehmen selbst Verantwortung für ihr Leben, ihre Umgebung, ihre Probleme – selbstbewusst und kooperativ.

 

    Tue nichts für andere, was sie für sich selbst tun können!"

                              Saul Alinsky 

 

Man muss nur Strukturen schaffen, in denen die Menschen gemeinsam handeln können. Genau dafür gründen sich die Bürgerplattformen. Hier treffen sich engagierte BürgerInnen aus verschiedensten lokalen Organisationen – vom Sportverein über den Bildungsträger bis zur religiösen Gemeinde.

  

Gemeinsam treten sie ein für Sauberkeit und Ordnung in ihrer Nachbarschaft, verändern Umgangsformen in bürokratischen Behörden, verbessern Infrastruktur und Verkehrssituation und schaffen bedarfsgerechte Bildungseinrichtungen.

Die meiste Arbeit passiert ehrenamtlich. Damit sie geleistet werden kann, braucht es einen professionellen Community Organizer. Er hat die Zeit und Geduld, die vereinzelten Organisationen aufzuspüren und wechselseitig füreinander zu öffnen. 

 

Und er beherrscht Moderationstechniken, um den Austausch zwischen diesen unterschiedlichsten Gruppierungen fruchtbar werden zu lassen. Die Aufgabe des Organizer besteht darin, die bestehenden Vereinen und Initiativen eines Stadtteils miteinander in Kontakt zu bringen. Über die gemeinsamen Interessen erwachsen mit der Zeit vertrauensvolle Beziehungen untereinander.

 

Im Laufe der Gespräche kristallisieren sich mehrere Schlüsselpersonen heraus, welche die Kerngruppe der Plattform bilden. Gemeinsam mit den zuständigen AnsprechpartnerInnen in Politik und Verwaltung gehen sie die Problemlösungen an.

 

Die hier aufgeführten Themen sind nur einige Beispiele für Erfolge der Bürgerplattformen. Das wichtigste dabei ist aber: die Veränderungen durch die Bürgerplattform werden von Menschen aus den lokalen Mitgliedsgruppen selbst getragen. Sie führen Gespräche mit Politiker/innen und erarbeiten gemeinsam Lösungsprozesse. 

 

 



ÖFFENTLICHER RAUM

Zu den größten Erfolge von deutschen Bürgerplattformen gehört die Befriedung und Belebung des Leopoldplatzes in Berlin-Wedding. Bei gutem Wetter trafen sich auf dem Leopoldplatz in Wedding und im Kleinen Tiergarten in Moabit je bis zu 60 Suchtkranke. Die Plätze waren stark verschmutzt und es kam immer wieder zu Konflikten zwischen Anwohnern und Suchtkranken.

 

Zeitweilig verloren an Kriminalität, Drogen und Obdachlosgkeit, gelang es durch die Vorarbeit der Bürgerplattform Wedding/Moabit öffentliche Plätze neu zu gestalten.

Aus Sicht der Gruppen der Bürgerplattform war eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität für alle nötig. In Gesprächen mit den Suchtkranken, den lokalen Geschäftsanliegern, der Polizei und Anwohnern wurden Lösungsvorschläge erarbeitet und mit den zuständigen politischen Akteuren verhandelt.

 

So wird nun kontinuierlich Straßensozialarbeit auf den Plätzen eingesetzt, die Polizei hat den Leopoldplatz zum Einsatzschwerpunkt erklärt und seither erfolgreich den Drogenhandel dort bekämpft. Für die Suchtkranken wurde ein eigener Aufenthaltsbereich geschaffen und eine kostenlose öffentliche Toilette eingerichtet.



JOBCENTER MITTE

Knapp 67.000 Bedarfsgemeinschaften werden im Jobcenter Berlin-Mitte betreut. Damit ist es das größte Jobcenter deutschlandweit. Die Zustände und Abläufe im Jobcenter Berlin-Mitte waren für die Kunden jedoch von
Anfang an besonders schwierig.

 

Briefe und Unterlagen gingen verloren, Leistungen wurden falsch berechnet, Kunden mussten bis zu fünf Stunden warten um einen Termin zu vereinbaren und viele Kunden fühlten sich von den Mitarbeitern respektlos behandelt. Vertreter/innen der Bürger-plattform haben sich das Ziel gesetzt, die Perspektiven und Erfahrungen der Kunden für eine Verbesserung des Jobcenters aufzuzeigen.

 

Dafür haben sie sich in die Entscheidungsstrukturen des Jobcenters eingearbeitet und den Kontakt zur lokalen Geschäftsführung, den zuständigen Vertreter/innen der Agentur für Arbeit sowie des Landes Berlin gesucht.

 

 

 

Im ersten Schritt ging es darum die Augenhöhe mit diesen Vertreter/innen zu erreichen. Bei einer großen Versammlung der Bürgerplattform im Juni 2009 mit knapp 500 Mitgliedern, wurden vom damaligen Geschäftsführer, der Vertreterin der Agentur für Arbeit und dem Bezirksstadtrat die Zusammenarbeit mit der Bürgerplattform zugesagt.


In vielen Gesprächen wurden seither konkrete Verbesserungsmaßnahmen verabredet. Die Zusammenarbeit zeigt Erfolge: Die Mitarbeiterzahl ist erhöht worden. Schulungen der Mitarbeitenden mit den Schwerpunkten Beratungskompetenz und Interkulturelle Kompetenz wurden begonnen. Die Wartesituation wurde verbessert und eine Service-Hotline für telefonische Auskünfte und Terminvereinbarungen wurde eingerichtet.

 

Heute ist das Jobcenter Mitte nicht nur das größte Jobcenter Deutschlands, sondern gehört in punkto Bürgernähe und Verständlichkeit zu den besten.



Infrastruktur

Ein großer Erfolg der Bürgerplattform Schöneweide (heute Südost) war die Ansiedlung der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW im Berliner Stadtteil Oberschöneweide in 2000 und damit verbunden die Wiederbelebung eines verödeten Industriebezirkes (Spitzname "Oberschweineöde"). Heute gilt der Stadtteil als schick. 

 

Vier Jahre lang hat "Organizing Schöneweide" (jetzt SO! Mit uns) in direkten Gesprächen mit dem Regierenden Bürgermeister, Senatoren, Staatssekretären und Abgeordneten für die Ansiedlung der HTW gekämpft.

 

 

 

 

Mit direkten Aktionen, wie der Verleihung der "Schnatternden Enten" an den Senat oder einer Tram-Fahrt durch Schöneweide mit dem damaligen SPD-Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe, wollten sie Druck ausüben.

 

 

2000 liefen auf dem Gelände des ehemaligen Kabelwerks Oberspree dann die letzten Vorbereitungen. 120 Millionen Euro sind in den Bau und die Sanierung des 40.000 Quadratmeter großen Geländes geflossen....